Die Kreuzzüge sind noch lebendig
Geschrieben von Taube am 24. Dezember 2002 11:26:51:
Was bringt das kommende Jahr, welchen Anteil hat an den kriegerischen Zuständen
im Nahen Osten ( auch anderswo ) das kirchlich geprägte Christentum ?
»Dieser Kreuzzug wird einige Zeit dauern«, verkündete der amerikanische Präsident Bush. Wenige Tage später korrigierte er sich: Er habe dabei nicht an einen »Kreuzzug« im Sinne eines »Religionskrieges« gedacht. Hatten ihn seine Berater darüber aufgeklärt, wie lebendig im Orient die Erinnerung an die 900 Jahre zurückliegenden Schreckenstaten der »christlichen« Kreuzritter ist?
Besonnene Kommentatoren mahnten schon sehr bald nach den Terroranschlägen in New York, dass eine militärische Vergeltung nur weitere unschuldige Opfer fordern und weitere Terrorakte nach sich ziehen werde. Man müsse vielmehr nach den Ursachen des Hasses und der Aggressionen forschen, die sich in weiten Teilen der islamischen Welt gegen den Westen, insbesondere gegen die Vereinigten Staaten, zusammengebraut hätten. Diese Haltung entspricht zugleich der Bergpredigt des Jesus von Nazareth: Nicht zurückschlagen, sondern zunächst den eigenen Anteil suchen: »Ziehe zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge!« In einer Zeit der gezielt angefachten Emotionen haben es die besonnenen Stimmen schwer, Gehör zu finden. In Deutschland herrsche eine »Sozialarbeitermentalität«, war in der Frankfurter Allgemeinen zu lesen: Man müsse die Terroristen nur verstehen, um den Konflikt zu lösen. Eine solche Meinung zeigt, wie gering in unserer angeblich christlich geprägten Zivilisation das Wissen um die ursprüngliche Lehre des Nazareners ist. Verständnis allein reicht nicht aus, um einen Konflikt zu lösen. Der Suche nach den Ursachen muss die Erkenntnis des eigenen Anteils und dessen Bereinigung folgen: durch Reue, Bitte um Vergebung, Vergebung und Nicht-mehr-Tun. Darin liegt die einzige Chance, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Doch dieses schlichte Gebot des Nazareners passt kaum in eine markige Politikerrede, mit der Stimmen gewonnen werden sollen.
Was wäre denn die Aufgabe der Christen in den letzten beiden Jahrtausenden gewesen? Die Lehre des Jesus von Nazareth hinauszutragen, und zwar durch das eigene Vorbild. Stattdessen ließen sie es zu, dass eine äußere Institution Kirche das freie Urchristentum in sein Gegenteil verkehrte: in eine Staatsreligion mit heidnischen Kulten und verwirrenden Dogmen, die Kriege rechtfertigte und Andersgläubige blutig verfolgte. Als der Islam im siebten und achten Jahrhundert binnen hundert Jahren ein Weltreich von Spanien bis Persien eroberte, ließen sich die meisten Christen freiwillig zu dieser neuen Religion bekehren. Ihr eigener Glaube hatte seine spirituelle Kraft längst verloren. Weshalb? Man muss nur einmal die wesentlichen Lehren des Islam betrachten, um wie in einem Spiegel die Defizite eines veräußerlichten Scheinchristentums zu erkennen:
?Der Prophet Mohammed (um 570 – 632) kann es nicht annehmen, dass Gott einen Sohn haben soll. (Dazu passt übrigens sein persönliches Schicksal: Seine zwei Söhne sterben noch als Kinder, der zweite in seinem Todesjahr.) An einer Stelle des Korans kommt jedoch zwischen den Zeilen so etwas wie eine Enttäuschung zum Ausdruck, dass es nicht so ist: »Wenn der Erbarmer einen Sohn hätte, so wäre ich der erste ihm zu dienen« (Sure 43,81).
Was wäre geschehen, wenn die Christen bis zur Zeit des Mohammed (und man müsste sagen: bis heute) den inneren Christus, der seit Golgatha mit Seiner Kraft in jedem Menschen gegenwärtig ist, als inneren Helfer und Ratgeber, als Begleiter auf dem Weg zu Gott aktiviert hätten? Wenn viele von ihnen nicht mit äußeren Ritualen, sondern im aktiven Glauben, in der Bereinigung ihrer Fehlhaltungen Gott gesucht und in ihrem Inneren gefunden hätten?
?Gott bzw. Allah wird im Koran nur selten als liebender Vater, häufig jedoch als unnahbarer, willkürlicher Herrschergott beschrieben, der die Menschen sogar bewusst in die Irre führen kann: »Er führt irre, wen er will, und leitet recht, wen er will, und wahrlich, zur Rechenschaft werdet ihr gezogen für euer Tun« (Sure 16,95).
Auch vielen Kirchenchristen fällt es bis heute schwer, eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott als einem liebenden Vater aufzubauen. In der Bibel lehrt Paulus über Gott: »So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will« (Röm. 9, 18). Von den Theologen aller Jahrhunderte wurde Gott als der willkürliche, strafende Gott dargestellt, der manche seiner Kinder sogar in die ewige Verdammnis schickt. Luther hat wie Mohammed die Vorstellung gelehrt, dass Gott die Menschen entweder zum Guten oder zum Bösen vorherbestimmt.
?Mohammed führt selbst Kriege und lässt teilweise Gegner erschlagen. Im Koran werden Kriege (allerdings keine Angriffskriege) gegen die »Ungläubigen« gerechtfertigt. »Und nicht erschlugt ihr sie, sondern Allah erschlug sie« (Sure 8,17).
So lehrt später auch Luther über seinen Gott. Doch Jesus war eindeutig Pazifist, und die ersten Christen taten es Ihm gleich. Doch bereits die konstantinische Staatsreligion machte im 4. Jahrhundert den Wehrdienst für Gläubige zur Pflicht. Bis heute werden Kriege von Theologen gerechtfertigt. Von den Passagen des Alten Testamentes, nach denen Gott sogar Völkermord befohlen haben soll, haben sich die Kirchen bis heute nicht distanziert.
?Mohammed billigte sich – per »Offenbarung« – persönliche Sonderregelungen zu, die dem Rest der Gläubigen bis heute verboten sind. So hatte er mehr als die erlaubte Zahl von vier Frauen; eine davon war sogar eine Christin, was für »normale« Gläubige nicht gestattet ist.
Jesus lehrte die Gesetze des Reiches Gottes, die für alle Menschen gleichermaßen gelten. Die Bischöfe und Priester der konstantinischen Staatsreligionen evangelisch und katholisch verschafften sich jedoch bis heute Privilegien und Reichtümer, die sie den »normalen« Gläubigen vorenthalten. Sie predigen Wasser und trinken Wein.
? Neben diesen Ähnlichkeiten gibt es jedoch eine Reihe von Aspekten, in denen der Islam dem kirchlichen Scheinchristentum sogar moralisch überlegen ist. So kennt der Islam in seiner sunnitischen Hauptrichtung im Gegensatz zu den Kirchen keine Priesterhierarchie. Die Armen werden nicht nur sozial unterstützt, sondern haben in der Regel ein größeres Selbstbewusstsein – weil die Reichen an ihnen das Gebot der »Wohltätigkeit« (Sakat), eine der fünf Hauptsäulen des Islam, erfüllen und damit ein gottgefälliges Werk tun können. Und schließlich bewiesen die muslimischen Herrscher im Verlauf der Geschichte alles in allem eine wesentlich größere Toleranz gegenüber Andersgläubigen als die sogenannten Christen. Während im maurischen Spanien Christen, Juden und Muslime überwiegend friedlich zusammenlebten (Christen und Juden allerdings mit verringerten Bürgerrechten), wurden Muslime und Juden nach der »christlichen« Eroberung Spaniens (1492) entweder vertrieben oder umgebracht.
Dieser Unterschied zeigte sich auch während der Kreuzzüge. Als die Kreuzritter 1099 Jerusalem eroberten, ermordeten sie in einem Blutrausch ohnegleichen sämtliche etwa 70 000 Einwohner, unter ihnen auch etliche Christen, und wateten bis zu den Knöcheln im Blut. Der islamische Heerführer Saladin lässt hingegen nach der Rückeroberung der Stadt (1187) viele Tausend Christen gegen Bezahlung (Arme sogar ohne Bezahlung) abziehen. Er ist fassungslos, als sich herausstellt, dass reiche Europäer (darunter auch die »Geistlichkeit«) ihr Vermögen nicht dazu verwenden, ihre Glaubensgenossen freizukaufen, sondern ihre Schätze mit sich führen. Dennoch blieb die Grausamkeit der »fränkischen« Ritter (die ihren Gegnern zum Teil die Köpfe abschnitten und sie mit Katapulten über die Mauern belagerter Städte schleuderten) nicht ohne Folgen für den Islam. Die Kreuzzüge der vom Papst mit dem Versprechen des vollständigen Sündenablasses fanatisierten »Christen« bildeten die Geburtsstunde auch eines islamisch geprägten religiösen Fanatismus.
Besonders gefürchtet waren hier die »Haschischin« oder »Assassinen«, die, möglicherweise durch Drogen (»Haschisch«) aufgeputscht, Selbstmordattentate verübten – nicht nur auf Christen, sondern auch auf muslimische Herrscher, die nach ihrer Ansicht vom »rechten Weg« der Religion abgewichen waren. Ihr Anführer war der »Alte vom Berge«, der im zwölften Jahrhundert in Syrien und Persien junge Fanatiker um sich scharte. So wie in unseren Tagen die überwältigende Mehrheit der Muslime die Terroranschläge der heutigen Selbstmordattentäter entschieden verurteilt, so stießen auch die Assassinen seinerzeit bei ihren Glaubensbrüdern auf Ablehnung.
Wer, wie die ersten Christen, um die Tatsache wiederholter Erdenleben weiß, wird sich über solch frappierende historische Parallelen zur heutigen Zeit nicht wundern. Er wird auch vermuten müssen, dass sich die Schrecken der Kreuzzüge nicht nur in das kollektive historische Gedächtnis der Muslime eingegraben haben, sondern auch in die Seelen vieler Menschen, die damals als Sarazenen von »Christen« im Namen »Gottes« umgebracht wurden. Wer hat sie darüber aufgeklärt, dass diese Grausamkeiten in Wirklichkeit das Gegenteil des Willens Gottes waren? Den Hass auf alles Westliche und Christliche hat so manche Seele womöglich wieder in ihre jetzige Einverleibung mitgebracht.
Anlässe für solche Gefühle lieferten die sogenannten »Christen« aber auch im 20. Jahrhundert zur Genüge. Der politische Islamismus (der nicht mit dem Islam zu verwechseln ist) entstand um 1928 in Ägypten als Kampf gegen die Kolonialherrschaft der Briten, die man als »moderne Kreuzfahrer« ansah. Auch das Eingreifen französischer (ab 1920) und israelisch-amerikanischer Truppen (1982) im Libanon wurde von den muslimischen Arabern als »Feldzug der Kreuzritter« angesehen. »Die USA betrachten die islamische Welt als Hinterhof, in dem ihr Erdöl sprudelt«, so Oliver Fahrni in der Woche. »Sie haben den Irak gegen den Iran in einen Krieg gehetzt, der 1 Million Tote forderte, und danach den Irak ‘in die Steinzeit gebombt.« »Wir diktieren, was andere Länder für Regierungen haben, wie sie ihre Wirt-schaft organisieren, ob sie einen Kredit von der Weltbank bekommen«, so der US-Politikwissenschaftler Ronald Steel. Und der Religionswissenschaftler Prof. Norbert Klaes aus Würzburg stellt zur Kolonialgeschichte fest: »Die Araber fanden weder Brüderlichkeit noch Gleichheit und auch keine Nächstenliebe. Stattdessen wurden sie unterdrückt, sie verarmten.«
Weder die von den Kolonialmächten vielen Ländern aufgezwungene kapitalistische noch die aus der Sowjetunion importierte sozialistische Gesellschaftsordnung konnten die drängenden Probleme der islamischen Länder lösen. Der Westen hat als Vorbild versagt. Nun wenden sich viele in ihrer Verzweiflung der Vision eines islamischen Gottesstaates zu und sehen den westlichen Lebensstil und seine Entartungen - Pornographie, Gewaltverherrlichung, Drogensucht – als das Böse schlechthin an.
Umgekehrt bezeichnete der amerikanische Präsident die Bekämpfung des Terrors als einen »Kampf des Guten gegen das Böse«. Doch was ist das »Gute« im Sinne der Bergpredigt? Zurückschlagen? Die alleinige Schuld beim anderen suchen? Was würde geschehen, wenn die Mächtigen der westlichen Welt samt ihrer Kirchenführer eingestehen würden, dass sie die friedfertige Lehre des Nazareners bis heute in ihr Gegenteil verkehrt haben? Wenn sie die Völker der armen Länder um Vergebung bitten würden für all das, was im Namen Gottes an Bösem geschah? Vielleicht hätte der Friede dann noch eine Chance.