Re: warum nicht?
Geschrieben von Pi am 26. November 2001 00:01:31:
Als Antwort auf: Re: warum nicht? geschrieben von Ahmet am 02. Oktober 2001 21:09:50:
Lieber Ahmet,
es geht genau um Komplexität. Immer dann, wenn jemand behauptet bereits den Stein der Weisen gefunden zu haben, ganz genau zu wissen, wer oder was Gott ist und was er will, erheben sich bei mir berechtigte Zweifel.
>> 1. Es gibt gar kein Urchristentum. Von Jesus ist uns kein geschriebenes Wort überliefert. Alles, was wir über
ihn zu wissen glauben, ist bereits Traditionsgut der Kirche. Es ging durch die Filter der unterschiedlichen
Gemeinden.
Richtig, Jesus sah sich gemäss den heutigen Evangelien als einer, der sich den Lehren der Väter widmete und nur diese als richtig verstand. Das war das Volk, das vor den Pharisäern (Schriftgelehrte vor 2000 Jahren) lebte und nach der Torah lebte. Warum aber machen wir das nicht, wenn Jesus als Beispiel gelten darf? Sollten wir uns nicht auch nach dem richten, was Jesus gepredigt hat?
Weil es damit nicht getan ist. Der Heilswille ist sehr viel unverseller als das er sich an eine einzige Kultur binden ließe. Wer sich die Vorwürfe vor Augen hält die Petrus in der Apostelgeschichte zu hören bekommt, nachdem er Heiden getauft hat, sieht man die judenchristliche Engführung. Die Taufe war o.k., aber das Essen mit diesen Heiden, die sich nicht an die Regeln halten, nein so was darf einfach nicht sein. Diese Engführung lässt sich mit keinem Wort Jesu rechtfertigen und entspricht überhaupt keiner christlichen Tradition.
>> 2. Die katholische Kirche versteht sich in einem dynamischen Vorgang von Offenbarungen. Im Gegensatz zum Islam, wo eine statische Offenbarung an Mohammd ergangen ist, weht der Heilige Geist, wo er will. Dieses Wehen treibt das Kirchenschiff weiter in der Erkenntnis des Göttlichen und weiter in dieser Welt.
Wenn aber mit dem Argument des "Heiligen Geistes" gearbeitet wird, so verfällt die Eigenschaft Gottes, ewig und vollkommen zu sein. Ist das nicht etwas zu wage, die vollkommene Lehre Gottes einfach als ungenügend oder falsch abzustempeln? Dynamisch ist schon o.k., müsste sie aber wieder zum Ursprung finden und der liegt vor der Zeit des ersten Konzils (325 n.Chr.).
Diese Behauptung, dass der Heilige Geist dem Göttlichen etwas wegnähme verstehe ich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass die Behauptung eine reine Definition ist? Außerdem geht es nicht darum, dass Gott unvollkommen wäre, sondern dass wir nicht vollkommen sind. Mit diesem Mangel an Göttlichkeit müssen wir leben. Da finde ich einen Gott doch sehr sympathisch, der unserem Mangel nicht einfach einen Brocken vor die Füße wirft und sagt: Da habt ihr den Kram, guckt wie ihr damit zurecht kommt. Vielmehr ist es ein Wesenszug des liebenden Gottes, dass er für uns da ist, uns antreibt, uns zur Erkenntnis führt. Das alles ist für Christen Heiliger Geist.
>> 3. Jede Religion verändert sich mit der Zeit, weil die Lebensumstände der teilnehmenden Menschen sich verändern. Deshalb ist es vielleicht sogar besser diese Veränderungen zu dokumentieren und damit einen Schlüssel für die Weiterentwicklung zu produzieren.
Genau weil sich Religionen durch den Einfluss der Menschen verändert haben, kamen die Propheten und auch Jesus. Die Propheten, wie auch Jesus haben die Religionen, die vom göttlichen Weg abgekommen sind, zur Zeit ihrer Erscheinung, wieder auf den rechten Weg gewiesen. Was wäre, wenn uns Menschen dies Bewusst wäre? Würden wir dann nicht als Weiterentwicklung den Ursprung der Religionen anstreben? Wäre es nicht schön, eine so grosse Gemeinschaft zu sein, die nach den "Zehn Geboten" lebt und Gottergeben leben würden?
Die Suche nach einer Urreligion ist ein schwieriger Wunsch. Immerhin wäre diese Weltreligion ein Motiv für klobalen Frieden. Leider oder besser Gott sei Dank gibt es sie nicht, weil jeder, der dann von diesem Glauben abweichen würden, sicher ungeahnten Repressionen ausgesetzt sein wird. Monolitische Glaubenswelt ersticken jede Form von Glaubens- und Gewissensfreiheit, weil jeder der nicht das glaubt, was er soll, ganz logisch richtig nur ein Häretiker, ein Ketzer, ein Unruhestifter sein kann, der mit aller Gewalt auf dem Scheiterhaufen von seinem sündigen Leib befreit werden muß.
In so einer Welt wollte ich wirklich nicht leben.
>> 4. Wieso nur hohe Würdenträger auf Konzilien? Reisen war bis vor gar nicht so langer Zeit extrem gefährlich und extrem teuer.
Glaubst Du wirklich, das dies ein Grund war?
Schade, dass du den zweiten Teil meiner Antwort nicht übernommen hast. Im Schnitt waren die Konzilien nämlich gar nicht schlecht. Wer sich intensiv mit ihnen auseinander setzt stellt nämlich fest, dass sie i. a. R. reformerisch waren. Sie unternahmen den Versuch die Kirche auf ihr ursprüngliche Fundamente zu stellen und dort abzusichern. Das war gar nicht verkehrt.
Gruß
Pi