klaro
Geschrieben von nour iman am 07. Februar 2005 17:00:
Als Antwort auf: Re: Hast Du mich jetzt verstanden? geschrieben von Ahmet am 07. Februar 2005 15:03:28:
hallo und salâm ahmet,
natuerlich verstehe ich dich. da geht es mir ja manchmal genauso. aber man muss versuchen, den islam in seiner gesamtheit zu verstehen und da kommt dann eben wesentlich mehr heraus als nur 5-mal taeglich beten, fasten in ramadan usw.. der islam ist die einzige religion, die bis in den kleinsten, scheinbar unwesentlichsten bereich des lebens vordringt.
dies aber genau zu verstehen bedarf es erklaerender literatur, die von frommen menschen geschrieben wurde. erwaehnt sei hier al ghazali. du magst menschliche erklaerungen zum Koran ablehnen, aber da frage ich dich: war denn muhammed (s.a.s.) kein mensch, der uns die goettliche botschaft mit seinem beispielhaften leben erlaeuterte? nun gut, er war gleichzeitig der gesandte und hatte einen anderen, direkteren bezug zur problematik. tatsache ist aber, dass uns nicht jedes detail seine lebens bekannt ist und schon garnicht wurde jeder vers des Koran ausreichend durch muhammed (s.a.s.) erklaert. was bleibt uns also? koennen wir uns erlauben, die botschaft Gottes selbst zu interpretieren? ich denke, die gefahr etwas falsch zu verstehen, ist nicht gering, was bewiesen wird durch all die verschiedenen stroemungen innerhalb des islam.
>Ich kann mich nicht als Muslim geben, weil ich nicht die vom Kalifat eingeführten 5 Pflichten einhalte. D.h. ich verrichte zwar Steuerzahlungen und Spenden, die den Armen Menschen zu Gute kommen. Aber ich bete nicht nur 5x am Tag (gemäss Vorgabe) und faste nicht immer nur im Monat Ramadan.
muslim-sein ist viel umfangreicher und nicht unbedingt an die von dir hier genannten dinge gebunden. die hadith-literatur, die du leider abzulehnen scheinst, bietet viele interessante punkte:
muslim ist nicht der, vor dessen hand und mund andere muslime nicht sicher sind. (sagte der prophet (s.a.s.))
im umkehrschluss heisst das, und ein hadith weist dahin, dass jemand, der muslime achtet und bestrebt ist ihnen keinen schaden zuzufuegen, ihnen gar hilft, gewissermassen zu den muslimen zu rechnen ist. verstehst du?
es gibt viele pflichten, die ein mensch zu erfuellen hat, um ein guter muslim zu sein. al ghazali spricht im buch "das elixir der glueckseligkeit" von 23 pflichten gegenueber anderen muslimen, von pflichten gegenueber nachbarn, anverwandten, eltern, kindern, sklaven usw..viele dinge davon sind sehr viel mehr wert als gebet, fasten und spenden. diese dinge sind eh nur die oberflaeche, bestimmt fuer menschen, die nur wenig an Gott denken und dadurch wieder erst an Ihn erinnert werden (muessen). nichtsdestotrotz sind diese 5 pflichten keine einfuehrung des kalifats, sondern muhammed (s.a.s.) selber sprach von ihnen des oefteren, wie viele ueberlieferungen belegen.
es gibt aber auch den anderen islam, den inneren, und das ist das eigentliche ziel. es ist die religion von der du auch oft andeutungsweise sprichst, dessen existenz dir also klar ist, auch wenn die einzelheiten noch zu finden sind.
>Der Islam ist und bleibt für mich die Lehre, wie Mohammed es von Gott prophezeit bekommen hatte. Und nicht so, wie es das spätere Kalifat, welches es eigentlich nicht dafür geben dürfte, danach geformt hat. Für mich darf es im Islam nicht geben, dass der Freitag zum heiligen Tag gesetzt wird, wo es doch zur Zeit Mohammeds, der Samstag (für Gottgläubige) war.
hm. das ist mir ehrlich gesagt neu. auch dass der freitag heilig waere, wuesste ich nicht. wir gehen freitags arbeiten oder zur uni oder sonstwas und dann in die moschee, wie zur zeit muhammeds. das ist fuer mich kein beleg dafuer, dass dieser tag heilig waere. zu den heiligkeiten des islam gehoeren eher monate wie z.b. ramadan oder die nacht al qadr, in der die erste offenbarung des Koran zu unserem geliebten propheten (s.a.s.) herabkam. aber alles als heilig zu bezeichnen, was irgendwie ein bisschen sunna (lebensweise und brauch des propheten (s.a.s.)) ist, geht mir dann doch zu weit und erinnert mich an so manche geschichte der katholischen kirche.
>Es dürfte für mich auch nicht geben, dass Ismael, der Sohn Abrahams eine so grosse Bedeutung neben Isaak bekommt. Das Erbe des Islam ist nicht Ismael. Gott sandte alle Propheten mit der gleichen Botschaft. Also kann es nicht sein, dass Ismael an Stelle von Isaak geopfert werden sollte. Die menschlichen Ergänzungen schreiben es aber so.
bitte lies dir hierzu diesen beitrag von bruder hueseyin durch, der sich damit ziemlich umfangreich auseinadergesetzt hat.
>Ich finde es schade, dass die Muslime sich das Label „Islam“ setzen, um sich von den anderen Religionen zu unterscheiden.
nun, dass unsere religion aber "islam" heisst, steht doch im Koran :-) uebrigens als einzige religion, bekam der islam seinen namen von Gott selber.
>Ich kann auch nicht verstehen, dass man beim Bekenntnis angeben muss, ob man nun Sunnite oder Schiite sei. Ich bin weder noch, wie Mohammed. Oder als was würdest Du mich einstufen?
ich habe oben angedeutet, dass die sunna die lebensweise und der brauch des propheten (s.a.s.) ist. so gesehen war muhammed (s.a.s.) sunnit. und wenn du ihm in dieser lebensweise folgst, bist du ebenfalls sunnit. schiiten unterscheiden sich hauptsaechlich durch den glauben an eine erbfolge, wonach schwiegersohn ali haette der nachfolger muhammeds (s.a.s.) sein muessen, was aber wiederum in der sunna keinen platz findet, da muhammed abu bakr empfahl und dieser dann auch - wenn auch nicht demokratisch nach heutigem massstab - gewaehlt wurde.
abgesehen davon, muss man das doch aber nicht angeben, oder? jedenfalls sollte es fuer einen muslim ausreichen, wenn jemand das glaubensbekenntnis ausspricht, diesen als muslim anzusehen. sollte das ein trick oder sonstwas sein ausser der wahrheit, so weiss es Gott doch immer noch am besten und nicht uns obliegt das gericht.
>Ich hoffe, ich habe die Muslime nicht gekränkt. Aber das ist nun mal meine Meinung. Verstehst Du mich, Nour Iman?
klar und mich hast du auch nicht gekraenkt. du schreibst lediglich das auf, was islam sein soll und von vielen aber eben nicht von allen muslimen praktiziert wird. das ist ja das interessante, nicht wahr, dass der islam, wie er ueber die medien transportiert wird, nicht der ist, der schriftlich herabkam, sondern ein konstrukt. wirkliche muslime wiederum nimmt man in der oeffentlichkeit nicht wahr, weil die es erkannt haben, dass sich-selbst-zur-schau-stellen eine selbstverherrlichung bedeutet, die von der Gottesverherrlichung diametral verschieden ist.
ich verstehe dich vollkommen, lieber ahmet. du bist muslim, magst dich aber wegen der irren, die sich ebenfalls dazu zaehlen und den islam aber in den dreck ziehen mit ihren falschen ansichten, nicht dazu oeffentlich in der weise bekennen. dadurch machst du es dir in gewisser hinsicht leicht, da du nun nicht genoetigt bist, dich fuer irgendwelche entgleisungen anderer namens-muslime zu rechtfertigen.
andererseits glaube ich, dass du es dir dadurch auch schwer machst, weil du so durch diese kuenstlich hervorgerufene distanz, nicht vollends in der lage bist, alles zum islam gehoerende zu erfassen und vieles vorschnell als "menschlichen einfluss" ablehnst.
ich persoenlich favourisiere den weg des direkten bekenntnisses. ich binde es in meinem taeglichen leben zwar niemandem auf die nase, aber wenn mich jemand fragt, stehe ich dazu, dass ich muslim bin, selbst wenn das eine diskussion ueber das wie und warum hervorruft. ehrlichkeit ist ein grundprinzip des islam und so verlangt es denn auch, dass man unwissen zugibt. interessanterweise, sind die meisten fragen zum islam, mit denen sich so die menschen herumschlagen so oberflaechlich, dass man sich schon fast langweilt. nur selten werde ich ueberrascht durch fragen wie neulich bei einem freund: "warum bist du denn kein sufi?" das ist dann doch etwas komplizierter, nicht wahr?
;-)
frieden.
nour iman