Verzeiflung - Imanuel Kant - Selbstbeobachtung
Geschrieben von elcappuccino am 01. Dezember 2002 15:04:11:
Als Antwort auf: Re: Wort und Bild - Erfahrung und Verhärtung geschrieben von Peter am 30. November 2002 16:52:01:
Guten Abend Peter
Die stagnierende Frequenz auf diesem Forum hat auch einen Vorteil. Hier dürfen wir einen Gedanken fortspinnen und uns in Antwort gedulden, ohne befürchten zu müssen, dass der Anfang eines Themas am unteren Ereignishorizont dabei entschwindet.
Drei Gedanken beim Lesen deines Postings kamen auf.
Zwei reflektieren Aussagen von dir
Ein Gedanke entstammt der Selbstreflektion.
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1.
Ich finde, man MUSS sich ein Bild und ein Wort von Gott machen, um nicht zu verzweifeln.
Diese Aussage, ohne die ganze Herleitung, die zu ihr führte, würde manchen in Rage versetzen. Sie ist so absolut und dezidiert.
Dennoch sind zwei Dinge darin, denen wir genauer zuhören müssen:
Wir müssen....
Das kann heissen, wir müssen gegen unsere Neigung
oder
wir müssen, weil wir von Natur aus so gerartet sind, dass wir nicht anders können, im gleichen Masse etwa, wie das Fallgesetz auf uns zutrifft.
Ich könnte das erste nicht befürworten, da wir ja eher das Gegenteil als bewussten Akt in uns aufnehmen, dass wir gegen die Natur beginnen, diese Bilder aufzulösen indem wir sie mit viel Verstand abstrahieren.
Wir haben also ein "MÜSSEN" in uns, gegen welches der Verstand arbeitet (wenn wir seine Aufmerksamkeit darauf richten).
...um nicht zu verzweifeln...
klingt sehr emotional.
Ich würde sagen, es gibt noch ganz andere Gründe, warum wir das machen.
Wir existieren im Wandel. Darüber kann man verzweifeln. Dem Gegenüber steht die Suche nach etwas Festem, was dem ganzen Sinn gibt.
Stelle Dir vor: Da ist jemand, ein ausgesprochener Denker. er denkt über alles sorgfältig nach. Er schreibt ein dickes Buch, das ja wirklich einzigartig ist. Er bringt es auf den Markt. er wird besprochen, und alle halten das für grossartig.
Nun geschieht es diesem Mann, dass er einen Gedanken hat, einen kleinen aber wahren Gedanken. Und dieser Gedanken stürzt sein ganzes Buch, seine ganze bisherige Anschauung, seinen Status, seinen Grund und alles, was er mit seinem Denken und seinem Buch für andere darzustellen beginnt.
Solche Dinge sind des öfteren geschehen. Und sie sind zum verzweifeln. Und niemand wird die Verzweiflung verstehen, was sie noch grösser macht.
Unsere Angst ist, dass unsere Gedanken letztlich das absurde in sich haben. Während wir in der Welt mit dem Intellekt arbeiten. Ja wir müssen, von Natur aus, Bilder machen, und fürchten uns aber gerade vor diesen Bildern.
Was hätten wir gerne?
Nach all dem Denken kommt ein Gedanke der alles stürzt, ein Geistesblitz.
Und wir blicken auf das Gestürzte, und erkennen nicht die Natur des Stürzers?
Und hier steht es wieder, unser Trost inmitten des Vorgangs, dass gerade jenes Wort in seiner Ursubstanz, das alles testet was es lieb hat, vor Gott war.
Johannes nennt es Logos, was ein umfassender Begriff ist, der mehr ist als Bild, Wort, Gedanke, Idee....
Im Anfang war das Wort
Und das Wort war vor Gott
Und das Wort war Gott
Während wir mit all unserem Denken, welches Nachahmung der Worte Gottes ist, nicht Gott erfassen, ist doch das Wort in Gott geboren. Und all unser Denken dient letztlich dieser Erfahrung, damit die Urangst ihren Trost findet.
Solange wir diesen Sturz nicht erfahren, die Infragestellung all unserer Wissenschaft, bleiben wir in der Arbeit, uns selbst in der Welt einen Namen bauen zu müssen, ein Wort oder Bild. Es bleibt aber vom Unnennbaren bedroht, und die Angst ist noch nicht erlebt. Diese noch unerlebte aber latente Angst ist der stärkste Anrieb für jenes, was ich den Zwang zur Intellektualisierung nenne.
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2.
Der zweite Gedanke nimmt eher eine Summe auf. Wir stellen fest, dass unsere Diskussion immer wieder das Erkenntnisproblem streift. Wir zweifeln beide an der Erkenntnis, die wir selbst bauen können, geben aber zu, dass sie Teil unserer Selbst ist, und dass wir darin gefangen sind.
Imanuel Kant hat zuerst das Erkentnisproblem ausführlich durchdacht.
Er kam zum Schluss: selbst wenn wir Gott weder beweisen noch widerlegen können, ist unsere praktische Vernunft, weil sie mit dem Ebenbildlichen arbeitet, geeeignet, Gebote zu finden.
Das heisst: Die Gebote (zum Beispiel die Zehn) entstammen nicht von Gott selbst in ihrer Formulierung, sondern entsprechen der Entfaltung aus unserer praktischen Vernunft, welche uns täglich vor Augen führt: was du nicht willst, das man dir tue, das füge auch keinem anderen zu.
Gott hat uns also durchaus ein geeignetes Instrument gegeben, welches seinen Urwille transzendiert. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Er sagt dies nicht, sondern wir finden es. Wir finden es letztlich, indem wir unser eigenes Denken im Leben verstehen lernen.
In der jeweiligen Formulierung, in der jeweiligen Praxis sind wir frei. Und dieses Denken ist letztlich so geartet, dass wir auch im Glauben an Gott frei sind. (man kann und muss ihn nicht beweisen).
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3.
Der dritte Gedanke entstammt der Selbstreflexion und ist gleichsam ein kleines Experiment.
Als ich Deine Antwort las, konnte ich nicht umhin, mir ein Bild von Peter zu machen. Es war nicht offensichtlich. Es geschah nur einfach so beim Versuch, genauer zu lesen.
Dazu ein Beispiel:
Ohne visuellen Fortschritt ist keine Kreativität möglich! Kreativität kommt allein aus dem Schauen und anschaulichen Denken. Selbst Einsteins hyper-theoretische Relativitätstheorie wird erst verstehbar durch Anschauungsversuche.
Dieser Satz ist gewiss überspitzt und einseitig. Ich könnte ihn so nicht unterschreiben. Aber ich möchte gar nicht darüber diskutieren. Die Frage besteht nur, warum ein Satz aus einer bestimmten Optik so überzeugend geäussert wird?
Man spricht, was man kennt. Und so entsteht ein Bild vor mir, welches den Namen Peter mit Attributen umgibt: das visuelle, Fortschritt, Arbeit, Modell.
Wir äussern uns aus unserem eigenen Leben, und die alltäglichen Worte verraten den Alltag. Damit kann ich mich furchtbar irren. Das Bild kann falsch sein (oder bereits nicht mehr zutreffend).
Aber das interessante ist, dass die Weise, wie ich eine persönliche Mitteilung lese, sich nicht unterscheidet von der Weise, wie ich die Bibel studiere.
Die Bibel als Sammlung von Worten versucht uns aus unserer Lebenserfahrung heraus, immer mehr zwischen den Zeilen herauszulesen. Was arbeitet Gott, wo wohnt er, wie alt ist er?
Warum zeigt er sich nicht, warum verbirgt er sich, und zeigt sich verkehrt, warum macht er ein Rollenspiel (wie manche es auf Foren mögen?).
Wieviel Zwang liegt in diesem zwischen den Zeilen lesen? Es kann zur Manie werden (Kabala), es ist aber in unserer Natur festgelegt.
Erst die Ohrfeige bekräftigt das elterliche Wort, und wird vorher in seiner Unbestimmtheit, danach in seiner einigermassen gerichteten Bestimmtheit verstanden. Wenn wir den Ohrfeigen entgehen wollen, müssen wir zwischen den Zeilen lesen, das heisst, einer mangelhaften Aussage einen Wert abgewinnen, welchen den ursprünglichen und vollsten Willen zu erkennen sucht.
...es liegt also in der natürlichen Notwendigkeit, dass wir uns ein vollständiges Bild oder Wort all dessen machen, was auf uns einwirken WILL.
Dem können wir natürlich (sei es durch Schlauheit, aus Lust an der Lüge aus Spieltrieb) durchaus begegnen, und es bleibt nun offen, ob ich mir weiterhin von Peter ein Bild zwischen den Zeilen herauslesen muss, oder ob er sich die Freiheit nimmt, etwas über sein praktisches Leben zu offenbaren, das ich nun wieder in der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten (zwischen Wahrheit, Spieltrieb und Lüge) glauben oder verwerfen darf.
(letzter Abschnitt war nun vielleicht eine weniger ernsthafte emotionale Ableitung betreffs der anderen Forumsepisode).
Einen schönen Sonntagabend und einen guten Wochenstart wünscht dir
