Freimaurer-DER SPIEGEL 20/1981
Geschrieben von moussa-austria am 06. Juli 2000 21:38:40:
Logenskandal in Italien aus: DER SPIEGEL 20/1981
ITALIEN
Würze Im Spiel
Zum erstenmal stürzte eine Regierung über einen Freimaurer-Skandal: Die Loge „Propaganda 2", der prominente Politiker und Generäle angehören, war angeblich ein Zentrum von Spionage und Korruption. Ein Jahr lang predigte der Chef der Sozialistischen Partei Italiens (PSI), Bettino Craxi, landauf, landab: „Die Regierbarkeit des Landes muß gesichert werden", häufige Kabinettskrisen seien von übel. Doch Anfang voriger Woche vergaß der PSI-Chef die schönen Worte - er nahm einen Skandal, allerdings einen ganz großen, zum Anlaß, um die von seiner Partei mitgetragene Regierung Forlani zu stürzen - Politik auf römische Art.
Taktiker Craxi hielt den Zeitpunkt für gekommen, den Einfluß der PSI im politischen Kräftespiel Italiens zu verstärken und womöglich selbst Regierungschef zu werden. Ohne Hilfe der Sozialisten, mit rund zehn Prozent Stimmen drittstärkste Partei, bringt die dominierende Christdemokratische Partei keine solide Koalition mehr zusammen.
Italiens Bürger interessierten sich nur mäßig für den Ausbruch dieser 41. Regierungskrise seit Kriegsende. Um so leidenschaftlicher vertieften sie sich in die eigentliche Ursache von Forlanis Sturz: den Skandal um die Freimaurerloge "Propaganda II" (P2).
Ein Geheimbund mit bizarren Riten, dem Minister, Abgeordnete, Generäle und Industrielle angehören, ein Spinnennetz aus Intrigen, Spionage, Korruption - das ist nach dem Geschmack der Italiener. Ein Christdemokrat in Rom kommentierte denn auch, halb ironisch, halb ernst: "Da kommt wieder Würze ins Spiel. Einen so schönen, umfassenden Skandal haben wir schon lange nicht mehr gehabt." Wohl wahr. Von der Loge „Propaganda II" führen die Spuren gleich zu mehreren, nie aufgeklärten Affären - und das kam so:
Im März dieses Jahres hatten Finanzpolizisten bei Ermittlungen im Fall des sizilianischen Bankrotteurs Michele Sindona die Villa des Geschäftsmannes Licio Gelli, 62, in Arezzo in der Toskana gefilzt. Sie fanden "streng vertrauliche" Berichte der Geheirndienste über die nationale Sicherheit - und eine Liste mit 962 Namen.
Es handelte sich allem Anschein nach um das Mitglieder-Verzeichnis einer geheimen Freimaurerloge, deren Großmeister Gelli war. Auf der Liste standen unter anderen:
> zwei amtierende Minister (Foschi, Manea) sowie drei Staatssekretäre; der Name eines weiteren Ministers, Sarti, tauchte in anderen Gelli-Unterlagen auf;
> 43 Parlamentarier, von Sozialisten und Sozialdemokraten (Parteichef Pietre Longo) über Christdemokraten bis zu den Neofaschisten;
> 47 Industrielle, 22 Journalisten, 14 hohe Justizbeamte;
> 43 Generäle und 141 weitere Offiziere.
Zwar ist Freimaurerei in Italien nicht verboten. Der Dachverband „Großer Orient Italiens", dem etwa 400 Legen mit schätzungsweise 25 000 Mitgliedern angehören, steht fettgedruckt im römischen Telephonbuch. Aber die Loge „P II" hielt ihre Adresse wie auch die Namen ihrer Mitglieder streng geheim.
Deshalb und wegen Licio Gellis dubioser Machenschaften glauben italienische Staatsanwälte, dass auf die Propaganda-Loge der Artikel 18 der italienischen Verfassung angewendet werden sollte, der besagt: „Verboten sind geheime Verbände sowie Vereinigungen, die, auch indirekt, politische Zwecke mittels militärähnlicher Organisationen verfolgen."
In der Loge „P II" legten etliche Brüder die alte Freimaurerregel, sich gegenseitig zu helfen, anscheinend sehr weit aus, bis jenseits der Legalität. Licio Gelli suchte oder hievte seine Vertrauten in Schlüsselpositionen bei den Streitkräften, der öffentlichen Verwaltung, der Justiz.
Schon Mitte der 70er Jahre bezeichneten Beamte des Innenministeriums die „P II" als „das einflussreichste geheime Machtzentrum in Italien". Gelli selbst prahlte schon mal vor einem Journalisten: "Meinem Befehl gehorchen sechs Minister."
Der Logen-Großmeister beschaffte sich Geheiminformationen, er konnte Druck auf die Justiz ausüben, hatte beste Kontakte - das verlieh ihm Macht.
Durch seine Umtriebe geriet freilich nun die gesamte italienische Freimaurerei ins Zwielicht - zu Unrecht. Denn die Freimaurer haben in der italienischen Geschichte eine wichtige, oft durchaus positive Rolle gespielt, obschon die Päpste immer wieder Bannflüche gegen ihre antiklerikalen, aufklärerischen Anhänger schleuderten.
Humanistische Freimaurer halfen mit, liberale Ideen und besonders das Prinzip der religiösen Toleranz im italienischen Bürgertum zu verbreiten. Freimaurer beteiligten sich auch am Risorgimento, dem Kampf um die italienische Einigung. 1924 verbot Mussolini die Freimaurerei. Etliche ihrer Mitglieder kämpften im Widerstand gegen den Faschismus und die Deutschen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Logen wiedergegründet. Mitglieder des liberalen Bürgertums und auffallend viele Militärs schlossen sich den Logen an. Nach und nach kamen auch Christdemokraten hinzu, zumal der Vatikan zeitweilig versöhnliche Töne gegenüber den Freimaurern anschlug.
Dabei änderten sich deren Ziele kaum, dazu gehören so schwammige wie hehre Grundsätze, als da sind: „der Sieg des Menschen über das Laster", und das Streben nach einer politischen Ordnung, „welche die größtmögliche individuelle Freiheit gewährleistet". In diesem Sinne setzten sich die italienischen Logen seit den 60er Jahren etwa für eine stärkere Trennung von Kirche und Staat ein, für die Revision des Konkordats, für das liberale Scheidungsgesetz.
Aber etliche Italiener traten den Logen auch nur bei, weil sie sich Vorteile im Geschäft oder Protektion im Beruf erhofften. Ganz besonders gilt dies für Gellis Vereinigung „Propaganda II". Sie wurde, so jedenfalls glaubt die Staatsanwaltschaft, eine mächtige Pressure-Group, eine Kommandozentrale, ein weitverzweigter Staat im Staate.
Der sozialistische Abgeordnete Fabrizio Circhitto, der in Gellis Liste als Mitglied auftaucht, gab dieser Tage offen zu, dass er 1980 nur aus dem Wunsch nach mächtigen Verbündeten in Gellis Männerbund eingetreten sei:
Der politische Kampf hierzulande droht immer mehr in einen Krieg der Geheim- dienste, der Dossiers, der Skandale aus- zuarten. Dabei können leicht Unschuldige zu Schuldigen werden und umgekehrt. Angesichts dieser Zustände ergriff mich eine Psychose, und ich beging den Irrtum, einen Aufnahmeantrag in die Loge P 2 zu stellen.
Cicchitto ist einer der ganz wenigen, der seine Mitgliedschaft ("aber nicht aktiv") in Gellis Geheimbund eingestand. Die meisten der auf der berüchtigten Liste genannten Größen bestritten, der Loge je angehört zu haben.
Die ersten Namen aus dem von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Mitgliederverzeichnis waren Ende April durchgesickert. Alsbald schwirrte Rom von Gerüchten. Das Magazin "Panorama" erschrak: „Die Republik zittert."
Am 20. Mai dann verhaftete die Polizei den Mailänder Bankier Roberto Calvi, der im Verdacht steht, 50 Milliarden Lire illegal ins Ausland geschafft zu haben. Dieser Calvi aber, Mitbesitzer von Italiens größter Tageszeitung, dem „Corriere della Sera", war mit Sindona und mit Gelli liiert.
Die Staatsanwaltschaft übergab die geheimnisvolle „P 2"-Liste einem Parlamentsausschuss. Unter diesen Umständen beschloss Regierungschef Arnaldo Forlani, die Liste lieber gleich zu veröffentlichen. Folge: Der christdemokratische Justizminister Adolfe Sarti, selbst „P 2"-Kandidat, trat ab. Die von der Democrazia Cristiana gewünschte „schmerzlose Regierungsumbildung" kam nicht zustande, weit Craxi nein sagte. Ohne die Unterstützung der Sozialisten aber konnte Forlani nicht weiterwursteln - er trat zurück.
Zwar klagten nun fast alle Politiker, wie ernst die Krise sei, wie viele Reformen wieder auf der Strecke blieben. Doch in Wahrheit kam der Skandal den Parteien gerade recht: Die KPI kann nun abermals, mit Blick auf die vielen Christdemokraten in der „P II", die Democrazia Cristiana angreifen und sich selbst als die „Partei der sauberen Hände" hochloben.