Nein.
Geschrieben von Iman am 20. Juni 2002 22:11:47:
Als Antwort auf: Muslime lehnen die Demokratie [...] ab, geschrieben von Thomm am 20. Juni 2002 15:50:33:
Hallo Thomm,
ich habe inhaltlich Stellung zu dem Text bezogen im CID, poste Dir meine Antwort aber gerne nochmal hier rein im Anschluss. Ich sehe im uebrigen keinen Anlass, die Aussagen anonymer Schreiber wichtiger zu nehmen als die des Zentralrats.
Hier meine Antwort auf den Text:
As salamu alaikum,
obwohl ich Hans absolut zustimme und der Ansicht bin, die Verfasser sollten sich zu erkennen geben und sich mit dem ZDM selbst auseinandersetzen, moechte ich auf einige Punkte kurz eingehen.
Das Schreiben ist gepraegt von dem Versuch, kuenstliche Gegensaetze zwischen "den Muslimen" und "den anderen" herzustellen und diese als unueberbueckbar und unvereinbar darzustellen. Es impliziert, dass wir Muslime zu anders sind, als dass wir uns in eine Gemeinschaft einfuegen koennten. Dabei ignorieren die Verfasser jedoch zwei wesentliche Faktoren: die Realitaet -es gibt keinen islamischen Staat, auf den Muslime ausweichen koennten, wir leben de facto verstreut in aller Welt in allen moeglichen Kulturen und Gesellschaften- und die islamische Lehre -niemals hat der Prophet (sas) zu fitna aufgerufen, im Gegenteil, irgendeine Regierung ist besser als keine Regierung und als Minderheit haben sich Muslime an die Gesetze des ihrigen Staates zu halten, sofern diese ihnen nicht die Ausuebung ihres Glaubens verbieten.
Die Verfasser moegen sich die Auswanderung der ersten Muslime nach Abbessinien vor Augen halten.
Es geht dem ZDM keinesfalls um einen "Mittelweg zwischen Islam und der hiesigen politischen Weltanschauung", die sich im uebrigen weit weniger widersprechen als die Verfasser es implizieren. Wir leben als Muslime in Deutschland und die deutschen Gesetze stehen fuer uns nicht zur Disposition. Wir leben IM deutschen Staat MIT den nichtmuslimischen Buergern zusammen. Innerhalb dieses Rahmens muessen wir selbstverstaendlich versuchen, fuer unsere verfassungsmaessig garantierten Rechte einzustehen. Ein entweder-oder Verhaeltnis propagieren zu wollen, ist kontraproduktiv fuer alle hier lebenden Muslime, unrealistisch und islamisch nicht begruendbar.
Die Ausfuehrungen ueber Tauhid sind sicherlich richtig. Dennoch versuchen die Verfasser auch hier einen nicht existenten Gegensatz herzustellen.
1) Der deutsche Saat hindert keinen Muslim am Praktizieren seiner Religion, und stellt schon gar nicht den Monotheismus in Frage.
2) Wir leben hier als Minderheit in einem Staat, der uns mehr islamische Rechte gewaehrt als saemtliche sogenannte "islamische Staaten". Islam toleriert selbst in der Position der Mehrheit andere Glaubens- und Lebensauffassungen und verwehrt sich gegen jeden Zwang in der Religion. Wollen wir diesen Grundsatz als Minderheit etwa in Frage stellen?
Muslime sind selbstverstaendlich Teil der hiesigen Gesellschaft. Ebenso wie wir Teil der umma sind. Auch hier wird die Methodik der Verfasser fortgefuehrt, den Muslim vor eine Entscheidung stellen zu wollen, ihm ein nicht notwendiges Entweder-Oder zu entlocken.
Die Argumentation, bestimmte Begriffe seien in der islamischen Terminologie nicht vorhanden und damit fuer einen Muslim nicht verwendbar, ist absurd. Der Inhalt vieler probelmumschreibender Begriffe, die rein sprachlich in der islamischen Terminologie nicht existieren, ist dennoch auch im Islam ein Thema. Darueberhinaus muessen wir uns mit jedem Problem auseinandersetzen, dass sich uns stellt. Wir koennen uns nicht einfach einer Diskussion entziehen mit dem Hinweis, dies oder jenes Wort "kenne der Islam nicht". Der Prophet (sas) hat uns Loesungswege aufgezeigt, Methodiken hinterlassen, die wir flexibel auf immer neue Fragen und Probleme anwenden koennen.
Die Anonymitaet schuetzt die Verfasser davor, ihre Ansichten begruenden und legitimieren zu muessen. Dennoch moechte ich zwei Fragen aufwerfen:
1) Welche Alternative bieten sie uns Muslimen denn konkret an, sollen wir etwa die deutschen Verkehrsregeln missachten, weil sie kein "islamisches Recht" darstellen? Wie soll sich der Muslim denn ihrer Meinung nach in einem demokratischen Staat verhalten?
2) Wie moechten sie den Ungehorsam gegenueber dem deutschen Staat, das Nichtanerkennen deutscher Gesetze islamisch legitimieren?
3) Wollen sie etwa der Mehrheit einen Glauben oder das Leben nach islamischen Gesetzen aufzwingen? Wie wollen sie dieses Ziel verwirklichen und wie wollen sie dies islamisch legitimieren? Hat der Prophet (sas) jemals eine Wertediktatur errichtet, einen Menschen zum Glauben gezwungen, einen Andersglaeubigen nicht anders sein lassen?
Differenzen in Fragen der Aqida sollten im Uebrigen nicht von den Beteiligten geklaert, sondern gegebenenfalls vor Gelehrte gebracht werden. Die islamsiche Charta ist jedoch kein Lehrbuch der Aqida, sondern ein Versuch, der deutschen Mehrheitsgesellschaft in ihrer Sprache zu erklaeren, woran wir glauben und was wir wollen.
Die Verfasser zeigen bereits in ihrer Sprache, dass sie offenbar wichtige Lehren des Propheten (sas) nicht verstanden haben: wie will man friedliches Zusammenleben schaffen, wenn man sein Gegenueber herabwuerdigt und beleidigt? Hat der Prophet (sas) jemals seine Vertragspartner als kuffar bezeichnet, ist er ihnen nicht vielmehr immer mit dem groessten Respekt und Entgegenkommen begegnet? Hat er jemals Zwang oder Druck angewendet oder hat er nicht vielmehr weise und vorausschauend gehandelt und auch mal abgewartet bis eine Gesellschaft weit genug war, bis der Weg geebnet war?
Nein, mit harten Worten und eienr kompromisslosen Haltung werden wir weder ein friedliches Zusammenleben ermoeglichen, noch etwa andere Menschen fuer den Islam gewinnen, wie die Verfasser es wohl zu wuenschen scheinen. Unsere Pflicht ist es den Islam zu LEBEN, wir muessen bei UNS anfangen, nicht bei den Nichtmuslimen. Und das beginnt in den kleinen Dingen des Alltags wie Respekt vor dem -auch nichtmuslimischen- Gegenueber und dem Respekt vor den Gesetzen des Staates, der uns ein freies, sicheres Leben und die uneingeschraenkte Ausuebung unseres Glaubens ermoeglicht.
Iman